Schlagwort: Jugendliche

  • Kultartige Strukturen – Wenn Gewalt zum Selbstzweck wird

    Nihilistic Violent Extremism (NVE): Wie digitale Gewalt-Netzwerke Jugendliche manipulieren, erniedrigen und zu schwersten Straftaten treiben

    ✎ Illustration: KI-generiert.

    🕒 Lesedauer: ca. 9 Minuten

    Der Fall „White Tiger“, das Netzwerk 764 und eine neue Herausforderung für Sicherheitsbehörden und Gesellschaft.

    Extremismus braucht offenbar nicht immer eine politische oder religiöse Ideologie. Eine erschreckende Entwicklung, die zunehmend die Aufmerksamkeit von Sicherheitsbehörden, Wissenschaft und Politik auf sich zieht, ist der sogenannte Nihilistic Violent Extremism (NVE) – nihilistischer gewaltbereiter Extremismus.

    Im Mittelpunkt stehen digitale Netzwerke, in denen Gewalt verherrlicht, Menschenverachtung zum verbindenden Element wird und die Erniedrigung anderer Menschen Anerkennung und Status verspricht.

    Der Deutschlandfunk berichtet über die wachsende Bedeutung dieses Phänomens. In Deutschland geriet die Szene insbesondere durch den Fall des unter dem Pseudonym „White Tiger“ bekannten Angeklagten in den Fokus der Öffentlichkeit. Er steht in Hamburg vor Gericht. Der Fall verdeutlicht die erschreckenden Dimensionen digital organisierter Gewalt.

    Eine neue Form digitaler Radikalisierung

    NVE lässt sich nicht ohne Weiteres mit den klassischen Erscheinungsformen des politischen oder religiösen Extremismus gleichsetzen. Die Beteiligten verfolgen nicht zwangsläufig ein geschlossenes politisches Programm. Vielmehr entwickeln sich in digitalen Gruppen Dynamiken, in denen Gewalt selbst zum Zweck wird.

    Gewalt wird inszeniert, verbreitet und innerhalb der Gruppen als Mittel zur Erlangung von Anerkennung eingesetzt. Immer extremere Handlungen können zum Wettbewerb um Status und Einfluss werden.

    Das Phänomen ist dabei keineswegs frei von ideologischen Bezügen. Insbesondere Überschneidungen mit rechtsextremistischen und militant-akzelerationistischen (Entwicklungen gezielt beschleunigen, um einen Umbruch herbeizuführen, d.h. eine Strategie, Gewalt und gesellschaftliche Destabilisierung bewusst zu fördern) Milieus sind dokumentiert.

    764 und The Com: Gewalt als digitales Gemeinschaftserlebnis

    Ein wesentlicher organisatorischer Rahmen ist das digitale „Ökosystem“ The Com. Dazu gehören unterschiedliche gewaltorientierte Online-Gruppierungen, darunter das Netzwerk 764.

    Über soziale Netzwerke, Online-Spiele und Kommunikationsplattformen wie Discord oder Telegram nehmen Täter Kontakt zu Kindern und Jugendlichen auf. Was zunächst als Kontaktaufnahme oder vermeintliche Gemeinschaft beginnt, kann sich zu einem System aus Manipulation, Erpressung und psychischer Kontrolle entwickeln.

    Zu den dokumentierten Methoden gehören:

    • Gezieltes Grooming (Vertrauenserschleichen und Manipulation) und der Aufbau manipulativer Abhängigkeiten.
    • Sexuelle Erpressung (Sextortion) und die erzwungene Herstellung von Missbrauchsdarstellungen.
    • Doxxing (Bloßstellung und Einschüchterung) , Swatting (Physische Bedrohung durch provozierte Polizeieinsätze mittels erfundener Notfallmeldungen) und andere Formen digitaler Einschüchterung.
    • Aufforderungen zu Selbstverletzungen und teilweise sogar zu Suiziden.
    • Anstiftung zu realen Gewalttaten, Brandstiftungen und Sachbeschädigungen.
    • Verbreitung von Gewaltvideos und digitalen Anleitungen zur Manipulation und Erniedrigung anderer Menschen.

    Die Täter steigern innerhalb solcher Netzwerke ihren Status teilweise durch immer extremere Gewalthandlungen. Die Opfer werden dabei zum Objekt der eigenen Gewaltfantasien degradiert und systematisch entmenschlicht.

    Was sagt die Bundesregierung? Die Kleine Anfrage im Bundestag

    Wie ernst die Sicherheitsbehörden diese Entwicklung nehmen, zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

    Unter dem Titel „Kenntnisstand der Bundesregierung zum Nihilistic Violent Extremism, militantem Akzelerationismus und rechtsextremer Onlineradikalisierung in Deutschland“ wurde am 23. Oktober 2026 die Bundestagsdrucksache 21/8776 veröffentlicht.

    Die Antworten enthalten bemerkenswerte Erkenntnisse:

    Ein erhebliches Gefährdungspotenzial

    Die Bundesregierung schreibt den Akteuren der NVE-Szene grundsätzlich ein gesteigertes Gefährdungspotenzial zu. Die digitale Vernetzung erleichtert die Rekrutierung weiterer Anhänger und Opfer und kann die Ausbreitung des Phänomens beschleunigen.

    Junge Menschen im Mittelpunkt

    Ein Großteil der zugehörigen Personen ist nach Einschätzung der Bundesregierung jung, männlich und häufig sozial isoliert. Teilweise bestehen zusätzliche persönliche und soziale Schwierigkeiten.

    Überschneidungen mit dem Rechtsextremismus

    NVE ist nicht automatisch mit Rechtsextremismus gleichzusetzen. Allerdings gibt es ideologische und personelle Überschneidungen mit der rechtsextremistischen Attentäter-Fanszene und militant-akzelerationistischen Netzwerken. Auch rechtsextremistische Propaganda und entsprechende Ideologiefragmente finden sich in Teilen dieser digitalen Milieus.

    Erhebliche Wissens- und Erfassungslücken

    Eine bundesweit einheitliche Definition von NVE existiert bislang nicht. Auch eine eigenständige statistische Erfassung entsprechender Straftaten ist noch nicht möglich. Belastbare Zahlen zu Mitgliederzahlen und regionalen Schwerpunkten der digitalen Gruppierungen lassen sich aufgrund ihrer fluiden und dezentralen Strukturen nicht angeben.

    Konsequenzen für die Sicherheitsbehörden

    Die Bundesregierung beschreibt die fortlaufende Beobachtung und Analyse durch die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern. Außerdem wird auf die wissenschaftliche Untersuchung gewaltverherrlichender Online-Gruppierungen und die Zusammenarbeit der zuständigen Stellen eingegangen.

    Die parlamentarische Antwort macht deutlich: Die Sicherheitsbehörden nehmen das Phänomen ernst. Zugleich bestehen erhebliche Schwierigkeiten bei der systematischen Erfassung und Zuordnung entsprechender Straftaten.

    Die Russland-Verbindung: Werden Jugendliche für Anschläge instrumentalisiert?

    Eine zusätzliche sicherheitspolitische Dimension beleuchtet der Podcast „Teenager unter Terrorverdacht – Die Russland-Connection der ‚White Tiger‘-Szene“.

    Die journalistischen Recherchen beschäftigen sich mit Hinweisen auf mögliche Rekrutierungsversuche durch russische Akteure. Jugendliche aus dem Umfeld der digitalen Gewaltmilieus könnten demnach für terroristische oder destabilisierende Aktionen instrumentalisiert werden.

    Der Podcast beleuchtet dabei auch die Frage, wie digitale Gewalt-Netzwerke für Zwecke genutzt werden könnten, die weit über die ursprünglichen Aktivitäten der Szene hinausgehen.

    Wichtig ist die Unterscheidung zwischen journalistischen Hinweisen, laufenden Prüfungen und gesicherten Erkenntnissen: Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort auf die entsprechenden Medienrecherchen und mögliche Rekrutierungsstrategien. Weitergehende Erkenntnisse zu konkreten staatlichen Steuerungen lassen sich daraus nicht pauschal ableiten.

    Fachliche Einordnung: Ein Beitrag aus dem ADK-Fachseminar

    Auch die Bayerische Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise e.V. (ADK) hat sich mit unterschiedlichen Erscheinungsformen extremistischer und digitaler Gewalt beschäftigt.

    Im Rahmen des allgemeinen Fachseminars „Demokratie und Gesellschaft – Extremismus entgegentreten – Gemeinwohl stärken“ wurde der Fachbeitrag „Gefahren durch extremistische Internetphänomene am Beispiel 764 – (organisierte) Gewalt im Netz“ von Jasmina Eifert vorgestellt.

    Der Beitrag beleuchtet die Strukturen und Vorgehensweisen des Netzwerks 764. Im Mittelpunkt stehen Täterstrategien, die gezielte Kontaktaufnahme zu Minderjährigen, Grooming, Erpressung und die systematische Eskalation von Gewalt. Darüber hinaus werden weitere radikalisierte Online-Gruppierungen sowie Möglichkeiten der Prävention und Intervention behandelt.

    Damit bietet der Fachbeitrag eine wichtige Ergänzung zur aktuellen Berichterstattung und zu den Erkenntnissen der Bundesregierung.

    Digitale Gewalt erkennen – junge Menschen schützen

    Die Entwicklung stellt Eltern, Schulen, Jugendhilfe, Beratungsstellen und Sicherheitsbehörden vor neue Herausforderungen.

    Die Grenzen zwischen digitaler Manipulation, psychischer Gewalt, sexualisierter Ausbeutung und realweltlichen Straftaten verschwimmen zunehmend. Herkömmliche Vorstellungen von Extremismus und Radikalisierung reichen deshalb nicht mehr aus, um diese Entwicklungen angemessen zu verstehen.

    Es braucht mehr Wissen über digitale Gewaltmilieus, eine bessere Qualifizierung von Fachkräften und eine frühzeitige Sensibilisierung des sozialen Umfelds.

    Gewalt ohne geschlossenes politisches oder religiöses Weltbild ist keineswegs weniger gefährlich. Wenn Menschenverachtung, Manipulation und Gewalt selbst zum verbindenden Element digitaler Gemeinschaften werden, entsteht eine ernst zu nehmende Herausforderung für unsere Gesellschaft.

    Weiterführende Informationen und Quellen

    Aktuelle Berichterstattung

    Deutschlandfunk: NVE-Szene – Experten warnen vor Extremismus ohne Ideologien als wachsende Gefahr in Deutschland.

    Deutschlandfunk-Bericht lesen

    Deutscher Bundestag

    Kleine Anfrage und Antwort der Bundesregierung – Drucksache 21/8776.

    Antwort der Bundesregierung (PDF)

    Podcast: Teenager unter Terrorverdacht

    Die Russland-Connection der „White Tiger“-Szene.

    Podcast auf Spotify

    ADK – Bayerische Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise e.V.

    Fachbeitrag: Gefahren durch extremistische Internetphänomene am Beispiel 764 – (organisierte) Gewalt im Netz.

    ADK-Fachbeitrag lesen (PDF)

    Weitere Informationen auf unserer Homepage

    Weitere Recherchen und Hintergrundbeiträge zu White Tiger und digitalen Gewaltstrukturen finden Sie auf unserer Homepage.

    Weitere Beiträge auf unserer Homepage

    Weitere Informationen auf dem Skeptix-Blog

    Auch der Skeptix-Blog beschäftigt sich mit dem Netzwerk 764 und den Hintergründen des Nihilistic Violent Extremism.

    Beiträge auf Skeptix lesen

    Hinweis: Der Beitrag behandelt sexualisierte Gewalt, Kindesmissbrauch, Selbstverletzung und Suizidalität. Die Darstellung erfolgt ausschließlich zu Informations- und Aufklärungszwecken.

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