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Frühere Sexualpartner sollen angeblich die Kinder einer Frau prägen?
Was zunächst wie eine besonders krude esoterische Vorstellung klingt, erlebt in bestimmten esoterischen, verschwörungsideologischen und völkischen Milieus ein erstaunliches Comeback.
Die sogenannte Telegonie behauptet, dass frühere Sexualpartner einer Frau dauerhafte genetische oder „energetische“ Spuren hinterlassen und dadurch sogar spätere Kinder beeinflussen könnten. Wissenschaftlich ist diese Vorstellung längst widerlegt. Trotzdem wird sie heute erneut verbreitet und sogar kommerzialisiert: Angeboten werden etwa sogenannte „Telegonie-Löschungen“, energetische Reinigungen und entsprechende Coachings – und damit lässt sich auch gutes Geld verdienen.
Besonders problematisch ist das dahinterstehende misogyne (frauenfeindliche) Reinheitsdenken. Die sexuelle Vergangenheit von Frauen wird bewertet und ihre sexuelle Selbstbestimmung infrage gestellt. Aus einer pseudowissenschaftlichen Behauptung wird so ein Weltbild, in dem Vorstellungen von „Reinheit“, „Fremdheit“ und vermeintlich unterschiedlichem Erbgut eine Rolle spielen.
Der Schweizer Journalist Hugo Stamm beschäftigt sich seit Jahrzehnten kritisch mit Esoterik, religiösen und weltanschaulichen Bewegungen sowie mit Verschwörungsideologien und extremistischen Organisationen. In seinem aktuellen Beitrag für Watson zeigt er, wie die längst widerlegte Vorstellung der Telegonie in bestimmten esoterischen Milieus wiederbelebt wird – und wie damit die weibliche Sexualität kontrolliert werden soll.
▶ Zum aktuellen Beitrag von Hugo Stamm bei Watson
Wo sich Esoterik und völkisches Denken begegnen
Besonders aufmerksam sollten wir dort werden, wo sich esoterisches und völkisches Denken miteinander verbinden. Die Verbindung von Naturmystik, Spiritualität, Ahnenvorstellungen, „Energie“ und Vorstellungen von Reinheit kann Anschluss an völkische und rassistische Weltbilder finden.
Besonders deutlich zeigt sich diese Verbindung in Teilen der Anastasia-Bewegung. Auch in der Reichsbürger- und verschwörungsideologischen Szene finden sich entsprechende Überschneidungen. Gerade die Telegonie ist hierfür ein aufschlussreiches Beispiel: Die Vorstellung, Frauen könnten durch frühere Sexualpartner dauerhaft „verunreinigt“ oder geprägt werden, lässt sich mit Vorstellungen von Abstammung, „Blutlinien“ und ethnischer Reinheit verbinden.
Hier entsteht eine gefährliche Schnittstelle zwischen Esoterik und Rechtsextremismus. Esoterische Begriffe und Vorstellungen können völkischen, rassistischen oder rechtsextremen Ideologien dabei einen scheinbar spirituellen oder „naturgegebenen“ Anstrich verleihen.
Vor diesem Hintergrund kann man zu Recht von „rechter Esoterik“ oder „brauner Esoterik“ sprechen – nicht als Bezeichnung für Esoterik insgesamt, sondern für jene Strömungen, in denen sich esoterisches Denken mit völkischen, rassistischen, antisemitischen oder rechtsextremen Ideologien verbindet.
Es gibt kaum eine Idee, die noch so krude ist, als dass sie nicht auch im Umfeld der „braunen Esoterik“ Anhänger und Verbreitung finden könnte.
Schon früher Thema auf unserer Homepage
Die Telegonie ist kein neues Phänomen. Wir haben uns bereits vor einiger Zeit auf unserer Homepage ausführlicher mit dieser pseudowissenschaftlichen Vorstellung und ihren ideologischen Hintergründen beschäftigt.
Unser Hintergrundbeitrag „Telegonie: Esoterik, Anastasia-Bewegung und völkisches Denken“ zeigt, wie die Vorstellung einer angeblichen genetischen oder „energetischen“ Prägung durch frühere Sexualpartner mit einem misogynen Reinheitsnarrativ verbunden wird – und welche Verbindungen insbesondere zur Anastasia-Bewegung und zur völkisch-esoterischen Szene bestehen.
Der aktuelle Beitrag von Hugo Stamm bei Watson greift das Thema nun erneut auf und zeigt, dass die Telegonie keineswegs nur eine bizarre Vorstellung aus der Vergangenheit ist.
📖 Unser Hintergrundbeitrag zur Telegonie
▶ Hugo Stamm: Telegonie bei Watson
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