Eine verschwörungsideologische Jahreskonferenz, Millionen-Reichweite über Kla.TV und nun strafrechtliche Ermittlungen: Was über die Aktivitäten der Organischen Christus-Generation um Ivo Sasek bekannt ist
🕒 Lesedauer: ca. 6 Minuten
✎ Illustration: KI-generiert
Am Rand eines dunklen Raums ein Kaffeetisch, davor 60 Stühle im Halbkreis, dahinter eine Leinwand. Was bescheiden wirkt, entfaltet online enorme Wirkung: Per Livestream verfolgen Tausende Zuschauende aus rund 70 Ländern die sogenannte „Antizensurkonferenz“ (AZK). Veranstalterin ist die Organische Christus-Generation (OCG) des Schweizer Laienpredigers Ivo Sasek. Der_REPORTAGE-Kontext zeigt ein Muster, das weit über eine einzelne Veranstaltung hinausgeht: Eine religiös geprägte Bewegung nutzt Verschwörungserzählungen als Türöffner – und baut daran ein international vernetztes Mediensystem.
Eine Konferenz als Portal in den Verschwörungskosmos
Die AZK versteht sich nach Eigenaussage als „Europas grösste Plattform für unzensurierte Information“. Interessierte melden sich per Online-Formular an und werden telefonisch kontaktiert – ein Vorgehen, das auch der Gewinnung neuer Anhängerschaft dient. Der Besuch einer solchen Konferenz liest sich in Augenzeugenberichten wie ein Katalog des Misstrauens: Im Gespräch unter Teilnehmenden sind Chemtrails, 5G, Bill-Gates-Chips, „der große Austausch“ oder Putins angebliche „Notwehr“ nur einige der kursierenden Erzählungen. Die Konferenz funktioniert dabei weniger als klassisches Fachprogramm, sondern als emotionales Sammelbecken: Wer erst einmal glaubt, überall belogen zu werden, ist empfänglich für die Stimmen, die auf dieser Bühne sprechen.
Experten wie der bayrische Weltanschauungsbeauftragte Matthias Pöhlmann, der die OCG in einer eigenen Studie analysiert hat, ordnen die AZK als Forum für rechte Esoterik, Verschwörungstheorien, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsrevisionismus ein – bis hin zu Positionen nahe an der Holocaustleugnung. Die Rede von „Zensur“ ist dabei strategisch: Sie rahmt jede Kritik als Beweis dafür, dass „die Wahrheit unterdrückt“ wird.
Der Prophet und sein Imperium
1999 gründete Sasek in Walzenhausen im Kanton Appenzell Ausserrhoden die OCG – aus einem „Bemessungsdienst“ heraus, in dem der „geistliche Zustand“ von Menschen geprüft wurde. Seitdem hat er daraus nach Darstellung der Berichterstattung ein schwer überschaubares Netz von Organisationen und Medienprodukten entwickelt. Nach Eigenangaben produzieren rund 165 Studios mit über 200 Moderierenden Sendungen in mehr als 40 Sprachen – über Kla.TV erreicht die Bewegung Millionen. Frühere Aussteiger sprechen von Manipulation, Abschottung von der Außenwelt, Züchtigung als Erziehungsmittel, psychischem Druck in „Bemessungen“ und der Angst, beim Ausstieg alles zu verlieren. Zwei Söhne Saseks berichteten in einer SRF-Dokumentation erstmals öffentlich über Praktiken bis hin zu „Austreibungen“.
Auffällig ist auch das Verhältnis zu Kritik: Medienberichten zufolge legte die Bewegung sogenannte „Feindes- und Freundeslisten“ mit mehr als 8.200 Datensätzen über Politikerinnen und Politiker, darunter Regierungsmitglieder, an. Das Thema sorgte für Anfragen im Deutschen Bundestag. Die Bundesregierung stellte in ihrer Antwort fest, die OCG verbreite Verschwörungsmythen „mit Tendenzen zu Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus sowie Holocaustleugnung“ und trage einen „eher sektenartigen Charakter“. Eine unmittelbare Gefährdung der demokratischen Ordnung sah sie seinerzeit allerdings nicht.
Aktuell: Ermittlungen und wachsender öffentlicher Druck
Ende Oktober 2026 berichteten zuerst die Appenzeller Zeitung und das St. Galler Tagblatt, dass die Ausserrhoder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Ivo Sasek und seine Frau aufgenommen hat. – wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Wucher und Verstoß gegen das AHV-Gesetz. Im Zentrum steht damit erneut die Frage, wie „freiwillig“ die Arbeit von Mitgliedern tatsächlich ist. Wenn Aussteiger:innen rückblickend sagen, ihre Arbeit sei unter Zwang erfolgt, liegen wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten eng beieinander. So fasst ref.ch den Stand zusammen
Zugleich wächst das mediale Interesse: Die ARD-Sendung „Die Frage“ widmete sich 2026 unter dem Titel „Manipulation, Gruppendruck, Gewalt: Meine OCG-Erfahrung“ dem Leben einer Frau, die in der Bewegung aufwuchs. In Deutschland wäre die OCG nach Einschätzung von Fachautor:innen längst ein Fall für den Verfassungsschutz – in der Schweiz bleibt die Duldung bisher bemerkenswert groß. Genau deshalb lohnt der Blick auf Beispiele wie die AZK: Sie zeigen, wie religiöse Autorität, Verschwörungsideologie und Medienstrategie ineinandergreifen – und wie wichtig unabhängige Quellenprüfung und Ausstiegsbegleitung sind.
Kernaussage: Die „Antizensurkonferenz“ ist kein Randphänomen, sondern Teil eines international vernetzten Systems, das Misstrauen nicht als Problem, sondern als Geschäftsmodell behandelt.
Weiterführende Einordnung
Originalquellen und vertiefende Berichte:
- RiffReporter: Ivo Sasek: Selfmade-Prophet einer Bewegung mit Millionen-Reichweite
- ref.ch (Reformierte Medien): Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Glaubensgemeinschaft (Oktober 2026)
- ARD Mediathek, „Die Frage“: Manipulation, Gruppendruck, Gewalt: Meine OCG-Erfahrung (2026)
- Herder Korrespondenz: Alpiner Antisemitismus: Die Organische Christus-Generation von Ivo Sasek
- SRF Dok: Mein Ausstieg aus der OCG (2022)
- Deutscher Bundestag, Drucksache 19/20497 zur OCG
- Bundesregierung zur Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke: Bericht des hib-Bundestags
- Pöhlmann, M. (Hrsg.) 2023: Organische Christus-Generation, Kla.TV und Anti-Zensur-Koalition. Die Verschwörungswelten des Sasekismus, Berlin.
- Wikipedia: Artikel zu Ivo Sasek (mit Quellenverzeichnis)
Mehr zur Arbeit der Initiative: Hilfe zur Selbsthilfe, kostenfreie Beratung und Aufklärungsarbeit finden Sie über www.sektenwatch.de. Weitere Informationen zum Themenfeld bieten wir laufend:
Mehr Informationen zum Thema Verschwörungstheorien

