Der Markt für esoterische Angebote, zweifelhafte Coaches und problematische Gruppierungen wächst stetig. Aus unserer über 50-jährigen Beratungsarbeit wissen wir, dass viele Menschen Erfahrungen mit unseriösen spirituellen Anbietern gemacht haben oder sich in konfliktreichen Gruppen wiederfanden, in denen sie Mechanismen ausgesetzt waren, die sie zunehmend von ihrem sozialen Umfeld entfremdeten.
Dieses Buch setzt genau hier an: Die beiden Autorinnen Bianca Liebrand und Dr. Sarah Pohl sind seit vielen Jahren in der Beratungsarbeit tätig und verfügen über eine fundierte Erfahrung, die sich im gesamten Buch deutlich widerspiegelt. Beide waren zudem bereits mehrfach als Referentinnen bei unseren Jahrestagungen vertreten und haben die Problematik aus unterschiedlichen Perspektiven im Rahmen unserer Jahresfachtagungen beleuchtet. Umso erfreulicher ist es, dass diese vielfältigen Erfahrungen nun in gebündelter Form in einem Buch auch einem breiteren Lesepublikum zugänglich gemacht werden. Es vermittelt verständlich aufbereitetes Grundlagenwissen und kombiniert dieses mit einem praxisnahen „Methodenkoffer“.
Dr. Sarah Pohl hat bereits mehrere Ratgeber – teils allein, teils gemeinsam mit Co-Autorinnen – veröffentlicht und bleibt auch in diesem Buch ihrer klar praxisorientierten Struktur treu. Der Ratgeber richtet sich ausdrücklich an ein breites Publikum: Er ermöglicht es auch Leserinnen und Lesern ohne Vorkenntnisse, sich fundiert zu informieren und gleichzeitig konkrete Werkzeuge für den Umgang mit entsprechenden Situationen an die Hand zu bekommen.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage, warum Menschen überhaupt anfällig für solche Angebote sind. Abschließend gibt der Ratgeber konkrete Hilfestellungen – sowohl für den Umgang mit betroffenen Angehörigen und Freunden als auch für den eigenen Umgang mit spirituellen Krisen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Angebote häufig mit hohen Kosten verbunden sind und nicht selten auf einer Mischung aus spirituell und esoterisch aufgeladener Rhetorik, fragwürdigen Gruppenstrukturen und unrealistischen Versprechen beruhen – etwa der Vorstellung, ohne großen Aufwand schnellen finanziellen oder persönlichen Erfolg erzielen zu können.
Zu Beginn bieten die Autorinnen eine sehr gute Orientierung durch den „Begriffsdschungel“ rund um Sekten, Esoterik, Coaching, Fundamentalismus und Verschwörungsglauben. Sie gehen dabei auch intensiv auf das Phänomen des „Patchwork-Glaubens“ ein, bei dem Glaube zu einem kreativen „DIY-Projekt“ (Do-it-yourself) wird. Ebenso wird deutlich gemacht, welche Herausforderungen entstehen können, wenn fremde Spiritualitätsformen außerhalb ihres ursprünglichen Kulturkreises auf Menschen hierzulande treffen oder wenn sogenannte „Hobbytherapeuten“ tätig werden.
Darüber hinaus zeigen die Autorinnen auf, wie stark die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung die Szene verändert haben. In diesem Zusammenhang gehen sie auch der Frage nach, warum Menschen überhaupt in solche Abhängigkeiten geraten können. Anschaulich und differenziert wird beschrieben, wie aus einem zunächst positiven Gemeinschaftsgefühl eine Dynamik entstehen kann, in der Zugehörigkeit zur „Falle“ wird – wenn Betroffene das Gefühl entwickeln, ohne die Gruppe nicht mehr leben zu können.
Dabei zeigen die Autorinnen, dass es längst nicht mehr nur die aus den 1970er- und 1980er-Jahren bekannten „Jugendreligionen“ oder klassischen Sekten sind, die heute Probleme bereiten. Vielmehr ist ein vielfältiger, dynamischer und sich rasch wandelnder Markt entstanden, der Elemente aus Lebenshilfe, Spiritualität, Esoterik und Verschwörungstheorien miteinander verbindet und aktiv um Anhänger wirbt. Die Anbieter reagieren gezielt auf das Bedürfnis vieler Menschen nach einer selbstbestimmten, erlebnisorientierten Spiritualität und bieten ein breites Spektrum an Formaten an – von Workshops, Retreats und Kursen bis hin zu Einzel- und Live-Coachings.
Sehr hilfreich ist insbesondere das Kapitel, in dem Einzelanbieter auf dem Lebenshilfemarkt und ihr teils toxisches Verhalten beleuchtet werden – seien es Coaching-Anbieter, Heilpraktiker oder selbsternannte Heiler. Die Autorinnen gehen der Frage nach, welche Risiken auftreten und welche „Nebenwirkungen“ solche Angebote mit sich bringen können. Sie benennen klar erkennbare „Red Flags“, also Warnsignale, bei denen besondere Vorsicht geboten ist, und erläutern diese ausführlich – etwa Immunisierungsstrategien und Schuldumkehr, das gezielte Schüren von Ängsten oder Überhöhungstendenzen.
Zugleich wird herausgearbeitet, was es bedeutet, wenn mangelnde fachliche Kompetenz und ein vorrangiges Streben nach finanziellen Interessen bei Anbietern zu Abhängigkeiten auf Seiten der Betroffenen führen können. Die Autorinnen beleuchten dabei auch die Dynamiken von Macht und Ohnmacht: Was macht Macht mit den Anbietern – und was bewirkt Ohnmacht bei den Betroffenen? Ausführlich widmen sie sich zudem dem Phänomen der „Esoterik-Sucht“.
Sehr systematisch werden im nächsten Kapitel Verhaltenstipps für Angehörige dargestellt – nicht im Sinne einfacher Rezepte, sondern als reflektierte und praxistaugliche Handlungsempfehlungen. Dieses Kapitel ist im Sinne der bewährten, praxisorientierten Ratgeberstruktur von Dr. Sarah Pohl besonders wertvoll, da es Betroffenen ein gut nutzbares Handwerks- und „Rüstzeug“ an die Hand gibt. Die klare Struktur mit Tabellen und zusammenfassenden Textblöcken sorgt dafür, dass sich auch Leserinnen und Leser ohne Vorkenntnisse, die erstmals mit einer solchen Problematik konfrontiert sind, gut zurechtfinden.
Im abschließenden Kapitel „Sorgen um jeden Preis“ wird schließlich eindrücklich dargestellt, welche Hürden mit einem Ausstieg aus solchen Strukturen verbunden sein können. Zugleich machen die Autorinnen Mut, indem sie aufzeigen, dass ein Neuanfang möglich ist – vorausgesetzt, Betroffene finden Unterstützung und verlässlichen Rückhalt in ihrem Umfeld.
Insgesamt handelt es sich um eines der derzeit besten Bücher auf dem Markt, das sowohl eine fundierte, fachlich-wissenschaftliche Einordnung bietet als auch als verständlich aufbereiteter Ratgeber überzeugt. Methodisch und didaktisch ist es hervorragend strukturiert und damit sehr gut zugänglich.
Das Buch ist absolut empfehlenswert – sowohl für Fachkräfte und Ehrenamtliche, die sich in der Beratungsarbeit mit diesem Themenfeld beschäftigen, als auch für Betroffene selbst oder Angehörige, die Orientierung und konkrete Unterstützung suchen. Es vermittelt nicht nur Wissen, sondern gibt auch praxisnahe Hilfestellungen an die Hand. Es bleibt zu hoffen, dass aus dieser Reihe noch weitere Ratgeber und Informationsangebote entstehen, da es in diesem Themenfeld weiterhin ausreichend relevante Aspekte gibt, die einer vertieften Betrachtung bedürfen.
Darüber hinaus ist es sehr gut lesbar und eignet sich auch für Leserinnen und Leser ohne Vorkenntnisse, die sich erstmals -insbesondere dann, wenn sie als Angehörige betroffen sind- intensiver mit dem Thema auseinandersetzen (müssen) .